,,Zu viel"

Gespräch zum 500. Jahrestag der Reformation

Mit den Teilnehmern Zsófia Pásztor, methodistische Pfarrerin, Bischof der evangelischen Kirche Péter Gáncs, Schriftsteller András Visky und Zoltán Balog reformierter Pfarrer und Minister als Moderator.

Im Rahmen des Protestantischen Frühlings fand am 27. April ein wichtiges Gespräch statt. Die Teilnehmer versuchten einen Überblick darüber zu geben, wie wir Protestanten zum Christentum und einer der Bewegungen Europas mit dem größten theoretischen Einfluss am fünfhundertsten Jahrestag stehen, die wir uns für Erben dieser Bewegung halten. Im Folgenden wird - hoffentlich nicht verfälscht - das Wesentliche dieses Gesprächs vorgestellt. Die von Zoltán Balog formulierten Fragen stehen ebenfalls abgekürzt, in kursiven Buchstaben.


Was sollen wir wohl mit der Feier dieser fünfhundert Jahre als protestantische Minderheit anfangen? Was kann man an einer Bewegung feiern, die die Kirche erneuern wollte und stattdessen zu deren Spaltung führte?

 

Zsófia Pásztor nach führt die Betonung der Werte und Tugenden der Reformation erst zu inneren Stärkung, dann hoffentlich zur Wendung nach außen. Sie kann solche innere Haltung geben, durch die wir die Außenwelt ansprechen können. Péter Gáncs ist der Meinung, dass die Feier die Kirche und das Evangelium den Menschen näher bringt. András Visky analysierte unser Verhältnis zur Geschichte: die fünfhundert Jahre sind zu viel angemessen dazu, dass sich die Reformation als in ständiger Erneuerung befindend vorstellt. Die Reformation hat die Glaubensfrage zu einer Frage der Gegenwart gemacht, sie denkt so an die Vergangenheit, dass sie für die Gegenwart übersetzt werden kann. Die Sprache dieser Übersetzung liegt aber nicht in unserer Hand, sondern in der des Heiligen Geistes.


Die Sprache, die wir in der Kirche verwenden, ist veraltet, unverändert, wurde zu einer ,,kanaanäischen" Sprache, die kaum etwas mit der modernen Außenwelt zu tun hat, sollen wir die alte Sprache erhalten, oder sollen wir sie ,,modernisieren"?


András Viskys Meinung nach kann eine Sprache nicht erhalten werden, es sei viel besser, wenn die Sprache uns bewahrt. Die Sprache soll aus unserem Leben ablesbar sein. Gleichzeitig muss man jedoch von der falschen Sprache keine Angst haben, vor den Situationen, wenn das Publikum nicht versteht, was wir sagen. Man muss den Heiligen Geist wirken lassen. 
Péter Gáncs kehrte zu den Quellen zurück, und brachte das Beispiel von Petrus, der Pfingsten tapfer vor die Menge trat, das Risiko einging , obwohl er weder theologische, noch rhetorische Fähigkeiten besaß. Zsófia Pásztor betonte die Schwierigkeiten dessen, wie man den heutigen Jugendlichen die uralte, ewige Botschaft so einfach vermitteln kann, wie das auch Petrus tat.

 

Was sind die gegenwärtigen Herausforderungen und Aufgaben des Protestantismus über das Finden der Sprache hinaus?

 

Péter Gáncs hob als Antwort die grundlegende, authentische Anwendung des Wortes hervor, hinter dem das Leben steht. Das drückt am vollkommensten die Inkarnation selbst aus: Gott ist Mensch geworden. Zsófia Pásztor ist der Meinung, dass die wichtigste Aufgabe das sei, dass wir glauben, dass von dem Kleinen etwas werden kann, dass wir die Würde Jesu wieder erhalten können. Dass wir glauben: Gott hat uns Seine Botschaft anvertraut. András Visky betonte ebenfalls die Einheit des Lebens und des Wortes, und warnte vor aus dem Zusammenhang gerissenen, fertigen Antworten. Das Wort wird dann verständlich, wenn es zur Lebenswirklichkeit wird, wie auch im Falle der zwei rennenden Jünger, die dann die Schriften verstanden, als sie in das Grab hinein traten. Die Auferstehung ist nicht als Deklaration wichtig, sondern als Erneuerung der Leben. Ein Schritt dabei ist, dass wir uns einander nicht auf dem Ebene der Aussagen akzeptieren, sondern auch dafür kämpfen.

 

Gibt es Bewegungen, von denen ausgehend sich das unbestreitbar schwache Christentum in Europa erneuern könnte?

 

Zsófia Pásztor ist nicht zuversichtlich. Auf einem Gebiet: in der Interkonfessionalität sieht sie so etwas. Das bekräftigte auch Péter Gáncs, der Schritte des Papstes in diese Richtung begrüßte und eine Hoffnung in der die konfessionellen Gräben leicht überschreitenden Jugend sieht. András Visky fand diese Frage sehr schwer und antwortete, wie er sagte, lieber in der Wunschform. Die Predigt müsste erneuert werden, so, dass sie keine Rücksicht auf die Mauern nimmt. Die Treue gegenüber unserem Erbe kann jeder nur sich selbst gegenüber als Erwartung fordern. Das, dass jemand die sprachliche Verlagerung zwischen den Generationen als seine eigene erleben kann, ist keine verlorene Situation, sondern eher eine Möglichkeit. Eines der größten Geschenke der Reformation ist, dass sie die Last des Heils von den Institutionen, der Kirche und dem Volk abgenommen hat. Ein Reformierter fragt nach der Funktion der Institution. Das ist bei ihm keine Sünde, wie das oft hingestellt wird, sondern eine Aufgabe. Die Frage der Migration machte quälend deutlich, dass von dem einzelnen Menschen nicht das gleiche erwartet werden kann, wie von einer Gemeinschaft, vom Staat.



Sind wir als Gemeinschaft fähig, das Christentum glaubwürdig darzustellen?



Péter Gáncs erinnerte an die von Luther über die zwei Reiche (oder doppelte/zweierlei Regierungen), eher als praktische Anleitung, als eine Staatslehre formulierte Vorstellung, die zwischen den von Gott erhaltenen Aufgaben des Staates und der Kirche unterscheidet. Von der Kirche können wir nicht die Durchführung behördlicher Aufgaben erwarten. Der Staat wiederum soll sich nicht in die Angelegenheit des Heils einmischen. Es ist sehr wichtig, diese Unterscheidung vor Augen zu behalten.
Gemäß András Visky kann in der reformierten-protestantischen Denkweise der einzelne Mensch nicht der Gemeinschaft gegenüber gestellt werden. Der Leib Christi ist jedoch unglaublich kompliziert, kann schwer gedeutet werden. Und der Druck, die beiden einander gegenüber zu stellen, ist stark. Das Wort ,,Gemeinschaft" kann obendrein noch vieles in sich verbergen, sie kann z.B. eine Gemeinschaft der National, von Jüngern oder eine Abendmahlgemeinschaft sein. Wir leben in einem Gesprächsdefizit: wir können über Dinge nicht so sprechen, dass wir die von uns abweichenden Meinungen für legitim halten. Wir hätten keine Offenbarungen nötig, sondern, dass wir selbst für etwas kämpfen. Die Abendmahlgemeinschaft bedeutet, dass ich nicht ohne einen anderen leben kann, der meine Meinung in Anführungszeichen setzt. Oder dass die Gemeinschaft die Schule ist, in der wir uns selbst auslachen. Das kann befreiend sein. Immerhin ist das Anderssein doch unsere grundlegende Natur.

 

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